List gegen List - Prometheus

Unsterbliche von ganz verschiedener Art füllten inzwischen Erde, Himmel und Meer, teils reizvoll und schön wie die fünfzig Töchter des Meeresgottes Nereus oder die Götterbotin Iris, teils grauenvoll und böse wie der Höllenhund Kerberos oder die furchtbare Hydra, mit der einst Herakles kämpfen sollte.

Irgendwann kam auch der Mensch in die Welt - wie, darüber streiten sich die Weisen. Aber eines Tages schien es an der Zeit zu bestimmen, welche Gaben die Sterblichen für die Unsterblichen darzubringen hätten. Götter und Menschen trafen sich also in einem Ort namens Mekone. Da schlachtete der Titan Prometheus, der den Sterblichen freundlich gesonnen war - vielleicht, weil es seine eigenen Geschöpfe waren -, einen prächtigen Stier, löste das Fleisch von den Knochen und legte es zusammen mit den Eingeweiden unter den hässlichen Rindermagen. Die Knochen schichtete er kunstvoll, deckte sie mit der Haut und garnierte diese hübsch mit dem Fett, das er von den Därmen gestreift hatte. Dann liess er Zeus die Wahl. Derm wählte den grösseren Haufen. Seitdem opfern die Menschen den Göttern auf ihren Altären Fett und Gebeine und essen das gute Fleisch selber.

Als Zeus erkannte, worauf die Sache hinausgelaufen war, blickte er Prometheus böse an und knurrte: "Mit euch Titanen ist's immer dasselbe; alle sind so tückisch und so verschlagen wie Kronos." Dann dachte er nach, wie er sich rächen könnte, und hatte auch bald einen guten Einfall: Er versagte den Menschen das Feuer.

Prometheus aber stahl es vom Himmel und brachte es im glimmenden Mark eines Schilfrohrs seinen Schützlingen.

Wieder ergrimmte Zeus,als er aus den Hütten der Sterblichen Rauch aufsteigen sah, und schmiedete einen neuen Racheplan. "Ich will ein Übel schafen", lachte er böse, "das die Menschen in ihrer Torheit umarmen werden." Nach diesen Worten rief er den kunstfertigen Hephaistos, seine kluge Tochter Athena, die schöne Aphrodite, den gerissenen Hermes und noch viele andere Götter, damit sie ihm bei seinem Vorhaben halfen.

Auf der Stelle formte Hephaistos aus Ton das Bild eines Mädchens, das Aphrodite mit Anmut schmückte, Athena prachtvoll kleidete und die Chariten mit Gold beschenkten. Hermes aber gab ihm hündisches Wesen, Falschheit und Hinterlist. "Genauso habe ich mir das vorgestellt", sagte Zeus. "Wir wollen dieses Wesen Pandora, die Allbeschenkte, nennen, weil jeder von uns ihr etwas gegeben hat. Geh nun, Hermes, und bringe sie zu den Menschen - am besten zum Bruder des Prometheus, der ist nicht besonders klug."

Das wusste auch Prometheus, und darum hatte er seinem Bruder Epimetheus eingeschärft, er dürfte keine Gabe von einem der Himmlischen annehmen. Als aber Pandora in ihrer ganzen Schönheit vor Epimetheus stand, vergass er die Warnung sogleich und hatte bald das Übel im Hause. Früher nämlich, so klagt der Dichter Hesiod, lebten die Menschen in Glück und Frieden, ohne Krankheit und Leid - bis Zeus zu ihrem Unheil das böse Geschlecht, die Frauen, erschuf. Das ist, bei Zeus, ein garstiges Wort und hat unseren Dichter vielleicht selbst eines Tages bereut. Als er die Geschichte zum zweiten Mal erzählte, sprach er plötzlich von einem Gefäss, aus dem Pandora alle möglichen Übel auf die Menschheit losliess. Die Hoffnung allein blieb drinnen.

Auf jeden Fall war die Menschheit nun reichlich mit Unglück geschlagen, und auch Prometheus entging der Rache des Göttervaters nicht. Ares, der Kriegsgott, musste ihn mit seinen Helfern Kratos und Bia an eine Felswand des Kaukus schmieden. Da sollte der Titan für alle Zeiten hängen und furchtb are Qualen erleiden, denn täglich kam der Adler des Zeus und zerhackte seinem hilflosen Opfer die Leber, die immer wieder nachwuchs.

Herakles gelang es schliesslich, den Adler zu töten und Prometheus zu befreien, doch das ist eine andere Geschichte.